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Die 20 Grapheme einer Kinderzeichnung

Jede Zeichnung setzt sich aus verschiedenen Zeichen zusammen, die man auf verschiedene Art und Weise deuten kann. Armin Krenz teilt diese in 20 Grapheme ein, welche einem bestimmten Alter zugeordnet werden können.

Grapheme oder Grafeme (griechisch γραφή graphē ‚Schrift‘ und Suffix -em) sind die kleinsten bedeutungsunterscheidenden grafischen Einheiten des Schriftsystems einer bestimmten Sprache. Sie fassen also bedeutungsgleiche Graphe in gemeinsame Klassen zusammen.”

https://de.wikipedia.org/wiki/Graphem

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Die folgenden Symbole können jedoch nicht nur auf Kinderzeichnungen gefunden, sondern auch im Spielverhalten eines Kindes beobachtet werden wie das Linienziehen mit einem Spielzeugauto. Durch dieses Verhalten wiederholen Kinder die Entwicklung ihrer ersten Lebensjahre, welches ein wesentlicher Bestandteil ihrer Entwicklung ist. So zeichnet ein Kind senkrechte Linien, wenn es die Zeit zwischen dem dritten und dem fünften Monat nach der Zeugung durch das Zeichnen wiederholt erlebt.

Abb.1. Punkt
Abb.1. Punkt

Ein sehr wichtiges Symbol, welches man in nahezu allen Zeichnungen finden kann, ist der Punkt (siehe Abb.1. Punkt). Er ist der Beginn vieler Kinderzeichnungen. Wenn Kinder Punkte malen, kann es drauf hinweisen, dass sich das Kind einen Neuanfang wünscht, welchen man mit dem Beginn des Lebens vergleichen kann, da das Leben aller Menschen winzig klein beginnt. Häufig sehen Punkte auch wie kleine Striche oder Häkchen aus. Dies kann mit der Traurigkeit eines Kindes in Zusammenhang gebracht werden. Da Kinder durch das Zeichen die Entwicklung ihrer ersten Lebensjahre wiederholen, ist jedem Graphem ein gewisses Entwicklungsalter zuzuordnen. Beim Punkt ist dieses die Zeugung.

Abb.2. Senkrechte Linie
Abb.2. Senkrechte Linie

Ebenso sind senkrechte Linien (siehe Abb.2. Senkrechte Linie) sehr häufig in Kinderbildern zu finden. Sie deuten auf etwas Stehendes hin und werden oft für das Darstellen von Gras, Sträuchern, Blumenstängeln und Zaunlatten verwendet. Kinder möchten häufig damit ausdrücken, dass sie wachsen wollen, dies muss aber nicht immer körperlich der Fall sein. Sie fühlen sich in der derzeitigen Situation nicht wohl oder eingeschränkt und möchten „mit den Großen mithalten können“. Diese Kinder wollen mehr beachtet und wertgeschätzt werden. Das Entwicklungsalter dieses Graphems ist das dritte bis fünfte Monat nach der Zeugung.

Abb.3. Waagrechte Linie
Abb.3. Waagrechte Linie

Die waagrechte Linie (siehe Abb.3. Waagrechte Linie) ist ebenfalls ein sehr beliebtes Zeichen und symbolisiert Bewegungsfreiheit und Neugierde. Kinder, die waagrechte Linien zeichnen, möchten die Welt erkunden, um ihre Fähigkeiten zu erforschen. Das Entwicklungsalter, welches der waagrechten Linie zugeordnet wird, ist das fünfte bis siebente Monat nach der Zeugung.

Abb.4. Diagonale Linie
Abb.4. Diagonale Linie

Das vierte Graphem ist die diagonale Linie (siehe Abb.4. Diagonale Linie), welche als Eingrenzung oder Einschränkung für etwas empfunden wird. Sie können den Wunsch nach mehr Platz und dem Entfliehen aus einem engen Raum darstellen, wie es beispielsweise bei einem ungeborenen Kind im Mutterleib der Fall ist. Dieses Empfinden hat das Kind ungefähr zwischen dem siebenten und dem achten Monat nach der Zeugung.

Abb.5. Gebogene Linie
Abb.5. Gebogene Linie

Wenn ein Kind gebogene Linien (siehe Abb.5. Gebogene Linie) zeichnet, kann dies auf eine Situation, in der es sich hilflos gefühlt hat, zurückgeführt werden. Solche Kinder sehnen sich nach Geborgenheit, da die gebogene Linie als ein unten offener Halbkreis Schutz symbolisieren soll. Das Entwicklungsalter der gebogenen Linie ist das achte bis neunte Monat nach der Zeugung.

Abb.6. Multiple Vertikallinie
Abb.6. Multiple Vertikallinie

Das nächste Zeichen ist die multiple Vertikallinie (siehe Abb.6. Multiple Vertikallinie). Für dieses Symbol zeichnet das Kind mehrere senkrechte Linien von oben nach unten. Dies wird häufig benutzt um Flächen auszumalen. Zeichnet ein Kind dieses Graphem, so bedeutet dies, dass sich das Kind hin- und hergerissen fühlt, wie es auch bei einem Kind im Mutterleib der Fall ist, da es zwischen dem Bleiben und dem Verlassen aus Platzmangel entscheiden muss. Das Kind ist unruhig und verspürt Angst, welche in enger Verbindung mit der Geburt steht.

Abb.7. Multiple Horizontallinie
Abb.7. Multiple Horizontallinie

Das siebente Graphem ist die multiple Horizontallinie (siehe Abb.7. Multiple Horizontallinie). Das Kind führt den Stift abwechseln nach rechts und nach links. Dieses Graphem wird ebenfalls verwendet, um Objekte zu bemalen. Es wird häufig von Kindern gezeichnet, die den Wunsch verspüren, die Weite zu erfahren. Dies bedeutet, dass sich das Kind von einer Einschränkung befreien möchte. Die multiple Horizontallinie sagt aus, dass sich das Kind von seinen Grenzen befreien möchte, es ist mehr oder weniger ein Hilferuf. Dieser Wunsch tritt sehr häufig bei Kindern auf, die sehr streng erzogen werden beziehungsweise in sehr engem Raum wie beispielsweise einer kleinen Wohnung leben. Dies ist meist bei Kindern bis zum achten Monat nach der Geburt zu beobachten.

Abb.8. Multiple Diagonallinie
Abb.8. Multiple Diagonallinie

Ein weiteres Zeichen ist die multiple Diagonallinie (siehe Abb.8. Multiple Diagonallinie). Dieses Graphem kann ebenfalls für das Bemalen von Flächen eingesetzt werden. Zeichnet ein Kind dieses Graphem, so empfindet es den Wunsch, jemanden zu haben, der seinen Bedürfnissen nachkommt. Solche Kinder werden oft nicht ernst genommen und wünschen sich mehr Zuwendung. Das zuzuordnende Entwicklungsalter ist das achte bis neunte Lebensmonat.

Abb.9. Multiple Kurvenlinie
Abb.9. Multiple Kurvenlinie

Ein weiteres Graphem ist die multiple Kurvenlinie (siehe Abb.9. Multiple Kurvenlinie). Wenn das Kind dieses Zeichen malt, so fühlt es sich eingeschränkt. Es wird zu sehr beschützt. Das Kind hat keinen Freiraum. Dieses Symbol darf jedoch nicht mit einzelnen Halbkreisen, wie es bei einem Regenbogen der Fall ist, verwechselt werden. Dieses Kritzel kann mehrfach gedeutet werden. Eine Möglichkeit ist, dass sich das Kind jemanden wünscht, der es mehr wertschätzt, andererseits kann es auch als Befreiung von einer Einschränkung gesehen werden. Dieses Empfinden tritt meist zwischen dem zehnten und dem dreizehnten Monat auf.

Abb.10. Offene Schlangenlinie
Abb.10. Offene Schlangenlinie

Ein Zeichen der Selbständigkeit eines malenden Kindes kann eine offene Schlangenlinie (siehe Abb.10. Offene Schlangenlinie) sein. Es will alles erforschen und ist auf der Suche nach einer Antwort für sein Leben. Das dazugehörige Entwicklungsalter ist der 14. bis 16. Monat.

Abb.11. Unregelmäßige, geschlossene Linie
Abb.11. Unregelmäßige, geschlossene Linie

Das nächste Zeichen ist die unregelmäßige, geschlossene Linie (siehe Abb.11. Unregelmäßige, geschlossen Linie). Die Bedeutung dieses Kritzels liegt darin, dass das Kind etwas erfahren möchte, jedoch von beispielsweise seinen Eltern daran gehindert wird sich lange mit etwas zu beschäftigen. Dies ist bei der geschlechtsspezifischen Erziehung zu beobachten, wenn die Erziehenden der Meinung sind, dass Mädchen mit Puppen und Jungen mit Autos spielen sollen, sich das Kind aber für das jeweils andere Spielzeug interessiert. Das Kind hat offene Fragen, auf die es keine Antworten findet. Dies ist meistens bei Kindern zwischen dem 16. und dem 20. Monat der Fall.

Abb.12. Zickzack- oder Wellenlinie
Abb.12. Zickzack- oder Wellenlinie

Zickzack- oder Wellenlinien (siehe Abb.12. Zickzack- oder Wellenlinie) sind ein Zeichen für Unruhe, die durch Neugierde ausgelöst wird. Das Kind hat Angst etwas zu verpassen. Diese Kinder sind sehr aktiv und möchten abends oft nicht schlafen gehen. Dies tritt meist bei Eineinhalb- bis Zweijährigen auf.

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Abb.13. Einfache Schleife
Abb.13. Einfache Schleife

Die einfache Schleife (siehe Abb.13. Einfache Schleife) hat die Bedeutung, dass das Kind etwas verstehen will und so eine Antwort auf seine Fragen bekommen möchte. Diese Kinder fragen sehr oft nach dem „Warum“. Das dazugehörige Entwicklungsalter für dieses Graphem ist vom 25. bis zum 27. Monat.

Abb.14. Multiple Schleifenlinie
Abb.14. Multiple Schleifenlinie

Multiple Schleifenlinien (siehe Abb.14. Multiple Schleifenlinie) hingegen werden als Zusammenhang zwischen einzelnen Erfahrungen gedeutet. Das Kind lernt, wenn es das tut, dann wird dies und jenes passieren. Die Schleifenlinien können aber auch in Form eines Kreises dargestellt werden. Sie werden zum Beispiel häufig für das Zeichnen von Blumenblättern verwendet. Das Entwicklungsalter ist vom 25. bis zum 28. Lebensmonat.

Abb.15. Spirale
Abb.15. Spirale

Gezeichnete Spiralen (siehe Abb.15. Spirale) können auf den Egozentrismus von Kindern zurückgeführt werden, da der Fokus auf dem ,,Selbst“ liegt. Die Spirale kann somit als der Wunsch nach dem Spüren der eigenen Kraft verstanden werden. Das Kind will sich mehr auf sich selbst, als auf andere Personen oder Situationen konzentrieren. In dieser Phase ist das Kind meistens 29 bis 34 Monate.

Abb.16. Kreis überdeckt mit multiplen Linien
Abb.16. Kreis überdeckt mit multiplen Linien

Das 16. Graphem wird Kreis überdeckt mit multiplen Linien oder Bündel vieler übereinander liegender Kreise (siehe Abb.16. Kreis überdeckt mit multiplen Linien) genannt. Es soll die Künstlerin oder den Künstler selbst darstellen. Das Kind möchte sich in den Vordergrund rücken und somit zeigen, dass es wichtiger ist als alles andere. Dieses Verhalten kann von der Zeichnerin beziehungsweise dem Zeichner als positiv, wenn sie oder er stolz auf sich selbst ist, aber auch als negativ, wenn sie oder er zu wenig Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommt, gemeint sein. Dies hängt wieder mit dem Egozentrismus, den Kinder in den ersten Lebensjahren haben, zusammen. Das Kind ist zirka 35 bis 38 Monate.

 Abb.17. Vielfacher Kreisumfang
 Abb.17. Vielfacher Kreisumfang

Das 17. Kritzel wird als vielfacher Kreisumfang oder als Kreis umfahren mit multiplen Linien (siehe Abb.17. Vielfacher Kreisumfang) bezeichnet. Wenn ein Kind dieses Graphem zeichnet, so bedeutet dies, dass es offen für andere Menschen ist. Es schließt Freundschaften und stellt erstmals seine Bedürfnisse hinter die der anderen. Das Kind hat gelernt, dass Egozentrismus zwar etwas Gutes hat, man sich jedoch auch sehr schnell sehr einsam fühlen kann. Diese Erfahrung machen Kinder zwischen dem 39. und dem 41. Lebensmonat.

Abb.18. Ausgebreitete Kreise
Abb.18. Ausgebreitete Kreise

Ein weiteres Symbol sind die ausgebreiteten Kreise, auch Kreislinie mit Streuung (siehe Abb.18. Ausgebreitete Kreise) genannt. Es bedeutet, dass die Künstlerin beziehungsweise der Künstler neue Erfahrungen im sozialen Bereich machen möchte. Das Kind legt seine egozentrische Sichtweise ab. Das Entwicklungsalter dieses Graphems ist vom 42. bis zum 44. Monat.

Abb.19. Einzelner gekreuzter Kreis
Abb.19. Einzelner gekreuzter Kreis

Das 19. Kritzel ist der einzelne gekreuzte Kreis oder auch als einfacher Kreis mit Schnittpunkt (siehe Abb.19. Einzelner gekreuzter Kreis) bezeichnet. Es ist ein Zeichen der Selbstfindung. Wenn ein Kind einen gekreuzten Kreis zeichnet, so bedeutet dies, dass das Kind stolz auf sich ist. Jedoch deutet dieses Graphem auch auf den Wunsch, mehr geachtet werden zu wollen, hin. Vernachlässigte Kinder zeigen mit einer Zeichnung voller Kreise, dass sie auch ein Teil der Gemeinschaft sein wollen. Diese Phase dauert zirka vom 45. bis zum 47. Monat.

Abb.20. Imperfekter Kreis
Abb.20. Imperfekter Kreis

Das letzte Symbol ist der Kreis. Wenn ein Kind einen imperfekten Kreis (siehe Abb.20. Imperfekter Kreis) zeichnet, bedeutet das, dass das Kind mit sich selbst zufrieden ist. Der Kreis symbolisiert Stabilität und die Bereitschaft, sich auf Anforderungen einzulassen. Im Großen und Ganzen ist der Kreis ein gutes Zeichnen und steht für Zufriedenheit. Das Entwicklungsalter für dieses Graphem dauert vom 48. bis zum 50. Monat.

Kommentare.

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    Es ist interessant zu erfahren, was sich alles aus einem selbst gezeichneten Kunstwerk unserer Sprösslinge so alles ableiten lässt. Ich vermisse allerdings bei der Aufzählung, dass man beim Versuch aus der Zeichnung allein den Gemütszustand des Kindes zu interpretieren, völlig danebenliegen kann. Darum lieber mit den Kindern darüber sprechen und sich von ihnen erzählen lassen, was sie da tolles gezeichnet haben. Alleine durchs miteinander Reden lassen sich oftmals viele Missverständnisse bereits im Vorfeld aufklären, das erspart viel Kopfzerbrechen und falsche Vermutungen.